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Barkow ist Bayreuth

Barkow, den 10.08.2018

Jedes Jahr lädt Martin Huss, der Landesposaunenwart, junge Bläser zu sich nach Hause ein. Ein Besuch.

Barkow, sagt Martin Huss, ist in dieser Woche wie Bayreuth, diese Stadt in Bayern mit den Festspielen, auf denen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel gerne zeigt. Er meint das so: Wenn sie in Bayreuth den Wagner spielen, seien genauso viele Gäste wie Einwohner in der Stadt. So sei es zurzeit in Barkow. 100 Einwohner, 100 Gäste. Ein Dorf im Ausnahmezustand.

Seit 19 Jahren geht das schon. Einmal im Jahr lädt Huss, der Posaunenwart von Mecklenburg-Vorpommern, Kinder und Jugendliche zu sich nach Hause ein. Sein Zuhause ist gleichzeitig das Posaunenwerk des Landes. Für eine Woche üben sie dann an den Instrumenten; Trompeten, Posaunen, Hörner.

80 Kinder und Jugendliche, sagt er, kommen mittlerweile, dazu 20 Mitarbeiter, Dirigenten, sogar Kapellmeister. Über die Entwicklung sei er selbst überrascht. In den Anfängen, sagt er, klingelte er an Türen, um Hilfe aus dem Dorf zu bekommen. „Ich ging zum Bauern nebenan und fragte, ob wir die Scheune zum Üben nutzen und die Frauen, ob sie Kuchen backen könnten.“

Jetzt führt er, gekleidet in einem ausgewaschenen T-Shirt, kurzer Hose und Gartenclogs durch das Dorf, und alle paar Meter, im Gemeindehaus, unter Scheunen, in der Kirche, beim Nachbarn – überall junge Augen hinter goldfarbenen Instrumenten. Sie üben Tonleitern, spielen mal einen Blues oder proben ein Kirchenlied. Huss sagt: „Manchmal kommen keine Töne heraus, das sind dann eher Geräusche. Aber das ist nicht schlimm.“

Auf dem Weg durch Barkow kommt er ins Erzählen. Huss macht den Eindruck, er sei ein lebender Kontrast. Geboren in Argentinien, Buenos Aires, mit deutschen und ungarischen Wurzeln. Er sei einer, der die Berge liebt, aber längst auf dem flachen Land lebt. Er erzählt, in seinen ersten Jahren in Mecklenburg Probleme mit den Menschen gehabt zu haben, zurückhaltende Leute – und dann er, voller Temperament, ein argentinischer Macho, wie er über sich selbst sagt. Der Mecklenburger lasse einem Fremden nur eine Lösung: „Entweder, du knackst ihn oder du kannst wieder gehen.“

Er blieb, kennt mittlerweile die Probleme, spricht von ihnen wie ein Einheimischer. Als Posaunenwart sei er viel unterwegs im Land, Talente suchen, auch nach Schulen, mit denen er zusammenarbeiten könnte. Wenn er so durch das Land fahre, die Dörfer sieht mit verlassenen Häusern, kommt es ihm vor, als werde es immer schlimmer: Die Jungen hauen ab, die Alten sterben weg. „Es ist zum Heulen.“

Die Woche mit dem Musiker-Nachwuchs sei für ihn auch der Beweis, dass es noch anders gehen kann. Beklagen, sagt Huss, zumindest, was die Zahlen angeht, kann er sich nicht: Etwa 300 junge Blechbläser gebe es im Land. Die Zahl wolle er verdoppeln.

Am Wochenende, Freitag und Sonntag, werden sie Konzerte geben. Im Pfarrgarten von Barkow und in der Kirche. Die Gäste werden der Musik lauschen. Dann ist Barkow wie Bayreuth.

Konzerthinweise:

Benefizkonzert zugunsten des Posaunenwerkes Mecklenburg-Vorpommern, 10. August, 19.30 Uhr, Kirche Barkow.

Konzert der Jungen Bläser, 12. August, 11 Uhr, Pfarrgarten Barkow.

 

 

Foto: Vorschaubild zur Meldung: Barkow ist Bayreuth